165 Jahre Blüthner

Leipzig, am 18. November 1853

Wir sind eine Weltstadt, dachte Julius Blüthner und sah aus dem Fenster. Leipzig lag in tristem Grau an jenem Abend im November 1853, doch Blüthners Kopf war voller Farben. Das ganze letzte Jahr hatte er den einen großen Gedanken in sich getragen, viele schlaflose Nächte verbracht. Wir sind wie London, Paris oder Wien. Nie waren wir so selbstbewusst, so ehrgeizig und weltoffen. Das Klima stimmt, ich muss es einfach tun. Er ging zum Spiegel, neigte den Kopf etwas zur Seite, räusperte sich und wiederholte zum ungezählten Mal jenen Satz, den er die letzten Monate immer wieder zu sich selbst gesagt hatte:

"ich werde neue Fortepianos und Flügel deutscher und englischer Construction anfertigen - und alsdann verkaufen."

1.660 Taler, zwei Neugroschen und eineinviertel Pfennig. Das Geld stimmt, damit komme ich über den Winter. Damit bezahle ich meine drei Tischler und die Miete der Werkstätten - doch, sicher, damit komme ich über den Winter. Zehn Flügel sind das Ziel – im ersten Jahr. Und ein, vielleicht zwei, tafelförmige Pianos. Das walte Gott! Und dann – an schlaflose Nächte werde ich mich gewöhnen. Ich beginne um vier Uhr morgens und arbeite bis elf Uhr nachts. Ich werde die besten Klaviere der Welt bauen. Und dann wird das gut gehen, ganz bestimmt. Er räusperte sich erneut. Und jetzt etwas feierlicher, bitte, etwas bestimmter: "ich werde neue Fortepianos und Flügel deutscher und englischer Construction anfertigen - und alsdann verkaufen!"

Nur fünf Monate später, zu Ostern 1854, betrat ein gewisser Professor Weber aus Leipzig die Werkstatt und kaufte den ersten Blüthner-Flügel der Firmengeschichte.

"Auf zahlreichen meiner durch ganz Europa führenden Konzerte habe ich stets die Blüthner Instrumente als die Besten und Zuverlässigsten kennen gelernt."

Franz Liszt

Leipzig, am 17. April 1904

Das Gespräch mit dem Kunden war vorbei und jetzt stand Robert Blüthner wieder allein im Büro seines Vaters. Er blickte sich um. Ein Büro, das bald seins werden würde. Er atmete tief durch und musterte die Rechnung in seiner Hand. Die erste Rechnung, die er selbst unterzeichnet hatte. Ein Blüthner Flügel Modell 4A mit dem bahnbrechenden Aliquot Patent, soeben verkauft zu einem Preis von 4.310 Reichsmark, heute am 17. April 1904. Der Wievielte es sein mochte? Er betrachtete den opulent verzierten Rechnungskopf, zahlreiche Ehrentitel und erste Preise bei Leistungsschauen schmückten den Beleg:

  • 1855 Merseburg
  • 1867 Paris
  • 1867 Chemnitz
  • 1880 Cassel
  • 1873 Wien
  • 1876 Philadelphia
  • 1878 Puebla
  • 1880 Sydney
  • 1881 Melbourne
  • 1883 Amsterdam
  • 1889 Melbourne
  • 1894 Antwerpen
  • 1897 Guatemala & Leipzig

Robert setzte sich. Leipzig. Von hier aus war sein Vater vor fünfzig Jahren in die Welt gestartet. Hatte sich Kunden wie Königin Victoria, Zar Nikolaus den II., den Dänischen König, den Deutschen Kaiser, den Türkischen Sultan erarbeitet. Und natürlich den König von Sachsen. Von hier aus hatte er Niederlassungen in England gegründet, in Leutzsch ein Sägewerk und ein Dampfwerk gebaut. Was wohl das wahre Geheimnis seines Erfolgs war? Und ob er, Robert, mit seinen Brüdern Bruno und Max das Unternehmen so erfolgreich weiterführen würde, wie es ihnen der Vater vorgelebt hatte? Die Zeit würde es zeigen, das neue Jahrhundert war ja noch jung.

Er legte die Rechnung zu seinen Unterlagen und überlegte, ob er jetzt nach Hause gehen sollte – es war immerhin kurz nach neunzehn Uhr. Der Gedanke weilte nur kurz, dann setzte sich Robert an den Schreibtisch seines Vaters und fing an.

"Mein Blüthner treibt mich täglich zum Komponieren und ist ein unersetzbarer, treuer Begleiter geworden."

Sergej Prokofjew

Nordatlantik, am Abend des 8. Mai 1936

Dr. Rudolph Blüthner-Haessler hatte an Deck A im Gesellschaftsraum an einem der kleinen, quadratischen Tische mit den runden Ecken Platz genommen. Es fiel ihm schwer stillzusitzen – aber der große Moment stand nun endlich unmittelbar bevor. Mensch, was haben wir geschafft. Die erste Fahrt der Hindenburg mit Ziel USA – und unser Flügel mit an Bord. Unsere Spezialkonstruktion aus beledertem Aluminium. Unser Leichtgewicht, gerade mal 180 Kilo schwer. Nervös blickte er auf seine Uhr. Knapp fünfzig Stunden war die Hindenburg nun unterwegs, seit sie in Löwental gestartet waren. Sagte man bei Luftschiffen überhaupt „starten“? Egal. Es war ein überwältigendes Erlebnis. Und die Gäste – allerhöchste internationale Prominenz, nicht nur braune Bonzen. Pfarrer Paul Schulte hatte die erste Messe gelesen, die jemals in der Luft gelesen wurde. Der Dresdner Pianist Franz Wagner hatte mehrere Konzerte gegeben - Chopin, Liszt, Beethoven, Brahms und gut, zugegeben, etwas Populärmusik. Aber das Beste kam jetzt.

Denn jetzt näherte sich die Hindenburg der amerikanischen Küste. Rudolph sah sich um. Kapitän Lehmann saß am Nebentisch und nickte ihm freundlich zu. Der Gesellschaftsraum war voll, aber niemand sah aus den Panoramafenstern aufs Meer, alles starte gebannt in die Ecke, in der der Flügel stand. Dann betrat Franz Wagner den Raum, die Gäste klatschten Applaus. Es folgte Max Jordan, der große Reporter der NBC. Hintereinander bahnten sie sich ihren Weg durch die Tische zum Flügel und begannen an Kabeln und Mikrophonen herumzuschrauben. Rudolphs Herz pochte. Gleich war es soweit. Gleich würden sie alle miteinander Zeugen der ersten Live-Übertragung eines Klavierkonzerts aus der Luft. Gespielt von Franz Wagner, moderiert von Max Jordan, übertragen von der NBC. Mit Schuberts Serenade und der schönen blauen Donau. Mit der bezaubernden Lady Suzanne Wilkins und „In the mood for love“. Und das alles – an einem Blüthner. Großvater, wenn du nur dabei sein könntest! Wir haben Prokofjew und Tschaikowsky und Marlene Dietrich – aber nie werden wir höher fliegen als heute, in dieser Nacht!

"Blüthner - das ist die Vollendung. Die Lyrik des Tones, der menschlichen Stimme gleichend, muss jeden Komponisten zutiefst inspirieren. Blüthner ist die Feder meines Schaffens."

Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Leipzig, im Spätherbst 1972

Endlich war er weg, der Mann, dessen eingefallenes Gesicht die graue Farbe seines Mantels angenommen hatte, die graue Farbe seiner Worte, seiner ganzen Politik. Ingbert Blüthner-Haessler seufzte tief, als er sich in seinem Büro erschöpft in den Ledersessel sinken ließ. Verstaatlichung. Zwangs-Verstaatlichung. Rechtswidrige Enteignung ist das, murmelte er zu sich selbst. Aber was ist schon Recht, in diesen Zeiten. Das war also der Dank für die ganzen Mühen. Für seines Vaters Mut, alles nach dem Kriege wieder aufzubauen, nachdem die Bomben im Jahre 1943 das ganze Werk in Schutt und Asche gelegt hatten. Der Dank für die eben neu eröffnete Produktionshalle, die einhundert Mitarbeitern modernste Technik bot. Seit zwölf Jahren führte er die Firma nun. Er betrachtete das Gemälde seines Urgroßvaters Julius an der Wand. Er dachte an seinen Vater Rudolph, der schon 1953 zum 100jährigen Firmenjubiläum das Ende des Kommunismus herannahen sah. Bislang sollst du nicht Recht behalten, Vater. Was hättet ihr gedacht, was hättet ihr getan.

Sie hätten sicher nicht aufgegeben, soviel stand fest. Zumal es ja nur der Erfolg war, der die grauen Herren interessierte. Die enorme Nachfrage, die die Kunden bis zu drei Jahre auf einen Flügel warten ließ. Die begeisterten Glückwünsche prominenter Pianisten. Wilhelm Kempff etwa, der schrieb, dass der Klang seines Blüthners an Schönheit unübertroffen sei. Oder John Lennon, der mit den Beatles gerade „Let it be“ auf einem Blüthner aufgenommen hatte, drüben im Westen, wo das Interesse am goldenen Klang der Mauer zu trotzen schien. Nein, auch er, Ingbert würde nicht aufgeben. Er würde weitermachen, er würde die Qualität seiner Instrumente über alle politischen Widrigkeiten stellen, Herrgottnochmal, es war nicht das erste Mal, dass Deutschland leiden musste. Er würde alle Zweifel in den Wind schießen und kämpfen und als Geschäftsführer in der Firma verbleiben. Und dann, irgendwann und hoffentlich bald – würde der goldene Klang über das graue Einerlei siegen.

"...we have played on many terrible instruments. Today, luckily we have the choice. Blüthner is our favourite."

The Beatles

Wien, am 19. Oktober 2007

Auf Wien hatte Dr. Christian Blüthner-Haessler gewartet. Seit dem Fall der Mauer hatte das Unternehmen seine wiedergewonnene Freiheit voll ausgekostet, Niederlassungen in den USA gegründet und Zentren in London, Moskau, Tokio und Shanghai eröffnet. Aber Wien war eben Wien, die Welthauptstadt der klassischen Musik. Und dieser heutige 19. Oktober im Jahre 2007 sollte die Präsenz des goldenen Klangs in Wien für immer besiegeln - an der Bräunerstraße, mitten im Ersten Wiener Gemeindebezirk. Christian rückte seine Krawatte zurecht und betrat das neue Geschäft. Vier elegante, ausladende Räume unter einem geschichtsträchtigen Gewölbe, im Haus der Konservatorium Wien Privatuniversität. Das passte.

Erwartungsvoll drängten sich an die hundert Gäste zwischen Flügeln und Klavieren. Eilig schüttelte Christian Hände, begrüßte Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel und Volksoperndirektor Robert Meyer. Nein, es sei nicht Ziel, angeschlagene heimische Mitbewerber zu verdrängen, sondern auf den großen Podien der Welt präsent zu sein, versicherte er lächelnd, etwa so, wie vor einhundert Jahren. Wir werden hier ernst genommen. Gut so. Dann wandte er sich an Marion Schunack und Stephan Zwiauer, an jene beiden jungen Menschen, denen er die Geschicke der österreichischen Niederlassung in den kommenden Jahren anvertrauen wollte. Er richtete Grüße und Glückwünsche aus, von seinem Bruder Knut, der als technischer Geschäftsführer wirkte. Und von seinem Vater Ingbert, der sich inzwischen der Nachwuchsförderung verschrieben hatte.

Und dann, als Florian Krumpöck den großen Konzertflügel mit Liszts "Dante-Fantasie" zum Singen brachte, lächelte Christian leise. Es war Liszt gewesen, der vor 150 Jahren von der Vollkommenheit eines Blüthners geschrieben hatte. Und heute Abend hier in Wien spürte man einmal mehr, dass diese Vollkommenheit nicht aufzuhalten war.

"Fulminant! Es gibt diesen typischen Blüthner-Klang, den erkenne ich sofort wieder."

Konstantin Wecker